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LESEPROBE



Leseprobe zum Roman
„Eine Vision – mein Weg zurück ins Leben“


In ihrer vorliegenden Leseprobe verzichtet Sabine A Kästel bewusst auf alle die Stellen, in denen sie Kontakt zu anderen Menschen hat, Menschen, die sie durch ihr Land und darüber hinaus begleiten. Und dennoch möchte sie einen Einblick geben, der neugierig macht auf ihr Buch.

Der Inhalt des Romans ist üppig gespickt mit Ereignissen, die bewegend, spannend, abenteuerlich, nahezu unglaublich, märchenhaft sind und nachdenklich machen. Wenn sie davon zu viel preisgibt, wer will dann noch den gesamten Inhalt lesen? So beschränkt sie sich in der Hoffnung auf mannigfaltiges Interesse.


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Leseprobe

      Ich bin eine von mir erfundene Person, liege erschöpft in meinem Bett im Krankenhaus, einer Uniklinik. Die letzte Visite war wieder so sehr niederschmetternd, so ausweglos, so deprimierend wie schon zahlreiche zuvor. Wie ich, dahinsinnend, den Krebs verfluche, der meinem Leben ein jähes Ende setzen wird, morgen, in einer Woche, oder schaffe ich es doch noch etwas länger, keiner vermag sich da festzulegen. Ist es denn nicht egal, wie oft man mir noch meine Situation, Mal mehr, Mal weniger schonungslos, beibringt, ich habe es verstanden. Es gibt keine Hilfe mehr und doch wartet man auf ein Wunder, auf einen Weg zurück ins Leben.

      Plötzlich weiß ich, was zu tun ist: Ich erhebe mich, gehe schwankend zum Schrank, in dem meine Sachen liegen, ziehe mich um und setze mich erschöpft an den kleinen Tisch im Zimmer, an dem ich all die vielen Tage schon meine Mahlzeiten zu mir nahm, weil mir der Weg in den freundlich gestalteten Speisesaal zu beschwerlich war. Ich nehme einen Stift und schreibe: „Ich danke für alles, doch ich kann nicht bleiben, sucht mich bitte nicht, ich werde nicht wieder kommen, habe endlich begriffen, dass ich leben muss. Das geht nicht hier im Krankenbett. Das geht nur draußen, ganz weit draußen. Vielleicht melde ich mich ja mal.“ Noch einen Moment verharrend, gehe ich auf in einer Vision, die es abzuarbeiten gilt.

      Ja, ich weiß, ich bin ein Träumer. Sagt man von einem, das ist ein Träumer, so sagt man das immer irgendwie unterschwellig abwertend. Warum eigentlich? Es heißt doch auch, wer keine Träume mehr hat, ist eigentlich schon tot. Auch wenn beides nicht das Gleiche ist, so sind mir die Träumer lieber als die ausgesprochenen Pragmatiker. Es ist nicht so, dass es Träumer zu nichts bringen. Vielleicht brauchen sie nur etwas länger, um an das erhoffte Ziel zu kommen. Vielleicht ist der Weg da hin steiniger, spannender, erkenntnisreicher, ausgereifter als der gerade schnelle Weg. Und dann gibt es noch den Visionär. Sagt man von einem, das ist ein Visionär, dann klingt in der Stimme Hochachtung mit, etwas Bewundernswertes. Man beachtet ihn und wünscht ihm nur das Beste. Einige versuchen sich, in seinem Glanz zu tummeln.

      Wo genau ist der Punkt, wo aus einem Träumer ein Visionär wird. Wo genau schlägt sich das negativ Besetzte um in positive Ausstrahlung. Wann erreicht der Träumer den Quantensprung hin zum Visionär. Ein Pragmatiker wird es wohl kaum zum Visionär bringen. Wichtig ist der feste Glaube an die eigene Vision. Das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, sich auf dem Weg dahin auch immer wieder neu zu orientieren. Hat man eine Vision, dann gibt man alles, um an das Ziel zu gelangen. Alles, was man sich vorstellen kann, ist irgendwie auch erreichbar. Es gibt immer einen gangbaren Weg, immer auch geeignete Mittel dazu. Wann, das ist dahingestellt. So manche Vision erfüllt sich erst Generationen später. Doch so groß muss die Eigene ja nicht sein.       All das erklärt aber noch nicht den Sprung vom Träumer zum Visionär. Vielleicht verzettelt sich der Träumer in alle Richtungen, während der Visionär einen Fixpunkt anvisiert und sich danach ausrichtet, all sein Denken und Tun dem einen Ziel unterwirft. Wie ist er auf dieses unvorstellbare Ziel gekommen, doch nur, weil er sich in Träumen verloren hat, bis der eine Traum, ein ganz besonderer Traum, einer, den nur er in dem einen Moment hatte, ihn nicht wieder losließ, in fesselte bis zur Besessenheit, ihm Tag und Nacht nicht mehr aus dem Kopf ging. Solche Träume in Realität umgesetzt, bringen der Menschheit seit ihrem Bestehen die revolutionären Veränderungen, die Fortschritte, die Entwicklung auf neuem, höchsten Niveau.

      Der Träumer, aber auch der Visionär stellt sich Regeln auf, eigene Regeln, an die sie sich nicht lange halten, die sie neu erfinden, die sie nur für den Moment oder eine Phase als brauchbar, ja sogar unabdingbar halten. Die sie so lange auch streng befolgen, aber eben nur so lange sie meinen, sie noch nicht ändern zu müssen. Vielleicht ändert der Träumer seine Regeln noch zu oft, immer wieder, in alle Richtungen. Hat die Ausrichtung auf einen Punkt noch nicht gefunden, während der Visionär die Regeln seinem Weg zum Ziel anpasst, um den Weg gangbar zu machen, ihn abzuschreiten. Schritt für Schritt, alle Hindernisse überwindend, ohne Zeitdruck, ohne Skepsis.

      Auch wenn ich jetzt eine Vision habe, so werde ich bestimmt nicht damit aufhören zu träumen, dafür träume ich viel zu gern.

      Kunst, auch so ein großes Thema, was mich immer begleitet, erfüllt und beflügelt hat, mich wohl nie verlassen wird. Der Begriff Kunst gleicht von der Wichte her meiner Meinung nach dem Begriff Universum. So, wie keiner sagen kann, wie viele Himmelskörper es wirklich gibt und wie weit es sich erstreckt, ob es Grenzen hat oder wir sie nur brauchen, um es geistig fassen zu können, dass, was wir Universum nennen, gibt es ebenso viele Kunstwerke in den verschiedensten Sparten, Richtungen und Ausformungen. Ein Werk genommen. Der Eine zählt es dazu, ein Anderer nicht. Schon deswegen wird es nie eine Festlegung geben können. Und doch, sie tut uns gut, die Kunst, gleich ob wir Gestalter oder Betrachter sind. Es gibt so viel davon, dass jeder etwas Passendes für sich finden kann, egal, auf welcher Seite er sich befindet. Schade nur, dass die meisten Menschen alles nur beurteilen, werten, ergründen, in Schubladen abtun, statt die Werke auf sich wirken zu lassen, um ihre Energie aufnehmend tief in sie dringend etwas für sich daraus erfahren zu können, sich inspirieren zu lassen für den Alltag, der oft nur trist und öde ist.

      In mir herrscht ein Gefühl zwischen Hoffen und Bangen, in mir kämpfen Zuversicht und Resignation. Das macht mich unsicher, lässt mich wanken, dennoch bin ich auf dem Weg, die Augen nach vorn gerichtet. Es gibt kein zurück, nicht jetzt. Es darf kein zurück geben. Ich muss es wenigstens versuchen. Der Erfolg ist keine Frage der Gefühle, sondern nur abhängig vom eigenen Willen. Darauf muss ich mich konzentrieren, die Gefühle außer Acht lassen, mich auf mein Vorhaben konzentrieren. Gebe ich nach, werde ich verlieren. Das will ich auf keinen Fall. Wer will schon verlieren?

      In dem Moment wird mir so richtig bewusst, dass das hier meine erste Reise ohne meinen Fotoapparat ist. Meine Ausrüstung ist ein großes Stück weit bescheidener, als die, der Journalisten, und doch habe ich mit dem, was ich stolz mein Eigen nenne, so viele Fotos gemacht, dass ich immer wieder neue Ideen mit ihnen verwirklichen konnte. Das Foto an sich ja oft schon ein Kunstwerk habe ich es oft nur zur Grundlage für eine weitergehende, kreative Gestaltung genutzt. Von einfachen, bis hin zu komplizierten, digitalen Darstellungen war alles möglich. Von Darstellungen, bei denen das Foto noch zu erkennen war bis hin zu welchen, da man den Ursprung nicht im Entferntesten mehr erahnen konnte. Je nach Gemütszustand und Verfassung sind Arbeiten aus mir heraus entstanden, die auf andere, wenn sie es für sich zulassen, eine Tiefenwirkung haben können.

      Was habe ich nicht alles fotografiert. Ein Zimmer voll Papierfotos und CDs. Kein Urlaub, kein Ausflug, kaum eine Begegnung, von der es keine Fotos gibt. Dabei ging es mir weniger um die Dokumentation, als mehr um das künstlerische Erfassen des Gesehenen. Fast an der Grenze zur Sucht. Ich musste mich zwingen, den Fotoapparat auch Mal nicht mitzunehmen. Zum Beispiel zum Motorradrennen. Hat man ihn dabei, (ich hatte ihn oft dabei), man hört erst auf, die Fahrer zu fotografieren, wenn alle Rennen vorbei sind, selbst dann noch nicht, dann geht es ins Fahrerlager. Bei Wanderungen aller Art war es ein Muss. Ohne ihn hätte ich mich nur geärgert, der verpassten Motive wegen. Auch wenn ich diesen Weg schon hundert Mal gegangen bin, für mich war er immer neu, immer spannend und voller Überraschungen. Auch wenn meine Begleiter oft zu mir sagten: „Dass hast du doch schon so oft fotografiert.“ Meine Antwort war immer: „Aber nicht so, guck doch Mal.“

      Schon komisch, dass es mir gar nicht in den Fingern kribbelt, mich keine Vorwürfe plagen, weil er zu Hause bleiben musste, er, mein ständiger, widerspruchsloser, geduldiger und meistens zuverlässiger Begleiter und die Reise meines Lebens verpasst. Ich werde alles, was ich erlebe nur mit meinen Sinnen in mir aufnehmen, mir alles einprägen, um nichts zu vergessen. Ich hoffe, es gelingt mir. Genießen will ich jeden einzelnen Augenblick, jede Begebenheit, einfach alles, was mich erwartet. Mir ist jetzt so, als ob ich nur Schönes erleben werde. Ich freue mich wie ein Kind auf die Klassenfahrt, ohne auch nur einen einzigen Gedanken darauf zu verschwenden, dass auch Unerfreuliches passieren kann, so, wie im richtigen Leben, im Alltagsleben, so, wie in dem Leben, was hinter mir liegt.

      Fesselnd war auch eine Wanderung, deren Weg ich festlegte, ohne ihn zu kennen, ohne je dort gewesen zu sein, ohne auch nur einen Blick auf eine Karte geworfen zu haben. Ich hatte keine Karte. Eigentlich wollten alle einen steilen, treppenartigen viel begangenen Weg nach oben. Doch ich sagte: „Warum gehen wir nicht hinten herum?“ Die meisten waren einverstanden und ich übernahm die Führung. Fünfzehn war ich damals und wir waren in Ústi nad Labem. Wir gingen, gingen und gingen. Ich zweifelte schon, überhaupt noch einen Aufstieg zu finden und doch, wir kamen oben an. Und da geschah es, die älteren Teilnehmer, die schon ein Mal auf dem Berg waren, bedankten sich bei mir für diesen besinnlichen, schönen, so berauschend duftenden Weg. Nie hätten sie einen anderen genommen, als den bekannten steilen Weg, den wir dann abwärts nahmen.

      Lange hat mich dieses Ereignis beschäftigt. Woher habe ich den Mut genommen, die ganze Gruppe anzuführen, ohne Kenntnis davon, wo ich sie lang laufen lasse. Vorbei an wunderschönen Wildblumenwiesen, ohne jemandem zu begegnen, trieb mich eine innere Kraft, eine Überzeugung, die ich mir nicht erklären konnte. Noch heute habe ich den Berg vor Augen. Noch heute spüre ich die belebenden aber auch die zweifelnden Gefühle, die ich hatte und keinem anvertrauen konnte. Noch heute erfüllt mich das empfangene Lob mit Genugtuung. Genugtuung wofür eigentlich? Ich habe nur spontan funktioniert, bin nur gelaufen, erst einen großen Bogen um den Berg, sogar ein großes Stück weg vom Berg, dann in Serpentinen zum Gipfel, auf einem Weg, den nicht viele gingen, der war nur zwei Fuß breit, mehr von den Wiesen zurückerobert als bestimmend. Wie kommt man dazu, sich so zu behaupten, sich so treiben zu lassen von etwas von ganz weit drinnen. Und was das Erstaunlichste für mich war und immer noch ist, keiner hat auf dem langen Weg gefragt, wie weit ist es denn noch, alle hatten mir vertraut.

      Nach Agadir werde ich nun fliegen, nach Marokko. Dort war ich noch nie. Und eigentlich entspricht das ja auch meiner Natur, dahinzugehen, wo ich noch nie war. Neues entdecken und ergründen, Neues kennenzulernen, danach steht mir der Sinn. Freude, überschwängliche Freude kommt in mir auf, eine Freude, die mich alles ringsum vergessen lässt. Jetzt gilt es aber wach zu bleiben, sich nicht in Träumen zu verlieren. Erst mal alles zu regeln, um auch im Flugzeug anzukommen. Jetzt wo ich mich endlich entschieden habe, es kein zurück mehr geben wird, jetzt musste alles klappen und es klappt auch alles, fast wie von ganz alleine, fast ohne mein Zutun. Als würde eine unsichtbare Person alles regeln und mich führen, mir alles abnehmen, genau das tun, was nötig ist.

      Ich habe einen Fensterplatz auf der rechten Seite, weit vorn, noch vor dem Flügel. So einen Platz hatte ich mir immer gewünscht, doch nur ein Mal bekommen. Ich habe ja auch aus dem Flugzeug raus immer zu Fotos machen wollen, oder soll ich besser sagen müssen, aus einem inneren Zwang heraus. Viele schöne Aufnahmen sind mir da gelungen. Ich hatte auch mal Pech. Die eine von zwei Kameras, in der ich extra einen halben Film freigelassen hatte, funktionierte einfach nicht mehr. Ich wusste, wir werden einen Sonnenaufgang erleben, wofür ich einige Bilder benötigen würde. Und dann ging nichts. Ich habe den Sonnenaufgang gesehen, mir tief einprägen können, doch was war das schon, ohne auch nur eine Aufnahme. Mir fehlte ein entscheidendes Stück vom gemachten Urlaub.

      Es wundert mich, dass überhaupt keine Reue aufkommt, dass ich es so gelassen akzeptieren kann, ohne Fototechnik hier zu sitzen. Ich kann es noch nicht verstehen, aber in mir herrscht so eine Ruhe, so eine Gewissheit, dass ich ihn nicht vermissen werde, dass es schon unheimlich wirkt, fremd, als wäre ich das nicht selber. Als würde ich nur eine Person, die aussieht wie ich, beobachten, eine, die vielleicht nie gern fotografiert hat, eine, die vielleicht schon oft in Marokko war. Eine, die ganz anders ist, als ich es bin.

      Was für ein Tag:
Ich kann es kaum glauben, heute, jetzt und hier, angekommen zu sein. Hier in einem mir gänzlich fremden Land. Ich bin in Marokko! Am liebsten würde ich es jetzt laut aus mir herausschreien, dass alle Welt mich hören kann, Anteil nehmen kann, an meinem momentanen Glück, einem unbeschreiblichen Hochgefühl, was ich kaum alleine bewältigen kann. Ich habe alles hinter mir gelassen. Hier werde ich alles abwerfen, mich befreien, mich neu orientieren, ganz mein Leben führen, wie es mir behagt, wie ich es mir in meiner jetzigen Situation vorstellen und leisten kann.
Ich freue mich darauf.
      Die Sonne geht unter. Ein Schauspiel, jeden Tag neu, jeden Tag anders, immer wieder bewundernswert. Ich genieße diese Stimmung, freue mich auch über die eingetretene Stille um mich herum. Meine Gedanken kommen zurück und zur Ruhe. Ich verliere mich ganz und gar im Farbenspiel.

      Riecht es hier nach Hammel? Ja, klar, wo kommt der Duft den her? Er wird immer intensiver und schon stehen wir vor dem Gasthaus, aus dem es so gut duftet. Da möchte ich rein. Da möchte ich Hammel essen. Couscous, davon habe ich schon gehört, stammt ursprünglich aus der Berberküche und ist sehr beliebt. Ein Hartweizengrieß, der über einem Eintopf, zum Beispiel aus Lamm und sieben verschiedenen Gemüsearten und den Kichererbsen gedämpft wird. Dazu gibt es eine scharfe Soße. Unverzichtbarer Bestandteil aller Gerichte sind die vielen Gewürze. Eine Gewürzmischung, bestehend aus, bis zu fünfunddreißig Gewürzen, ist in der marokkanischen Küche dominant, erfahre ich eben. Es handelt sich hier bei um „Ras El Hanout“. So eine Mischung muss ich unbedingt noch besorgen. Eine große Tüte davon soll es sein. Ich bestelle Couscous mit Hammel.

      Ich habe mir schon öfter mal meine langen Haare abgeschnitten. Das erste Mal, als ich vierzehn war. Damals war mein Vater außer sich, konnte es nicht verstehen und hat sich doch daran gewöhnt. Ein anderes Mal, ich hatte das Gefühl, meine kleinen Kinder erkennen mich gar nicht, schauten so fragend in mein Gesicht. Da wollte ich einen Spaß machen und sagte: „Eure Mami kommt gleich. Ich bin eine Tante von euch, die ihr noch nicht kennt.“ Als ich dann aber zur Tagesordnung überging und später sagte: „Ich habe doch nur meine Haare abgeschnitten“ da waren sie alle drei mehr oder minder erbost. Hatten mir geglaubt, fühlten sich betrogen. Ich habe immer irgendwie bei anderen, Missmut erregt, wenn ich mir die Haare abgeschnitten hatte. Und nun war es auch noch entgegen der guten Sitte, der hier üblichen Sitte. Ich sitze nur noch da, sage nichts, erwarte nichts, schau an allen stur vorbei.

      Wir fahren auf einer asphaltierten Landstraße. Uns begegnen abenteuerliche Gefährte. Lastkraftwagen, die ihren Namen alle Ehre machen. Die haben Lasten geladen, dass man das Gefährt darunter nur schwer erahnen kann. Eine Kunst, solche Mengen an Gütern um ein Auto drum herum festzubinden und dann noch unfallfrei anzukommen, ohne etwas davon zu verlieren. Bei uns undenkbar. Da werden Lasten genau überprüft und wehe einer hat zu viel an Bord. Hier spielen solche Parameter keine Rolle. Es ist gerade mal so viel frei, dass der Fahrer noch rausgucken kann, gerade mal so viel, dass das Auto noch zu bewegen ist. Es sind auch Esel auf der Straße. Esel mit Reitern aber auch voll beladene. Und natürlich Personenkraftwagen aller Typen und Klassen, alte und neue Modelle.

      Da kommt ein Esel mit zwei Jungs auf seinem Rücken. Der Vordere schaut nach vorn und der Hintere schaut nach hinten. Er schaut nicht nur nach hinten, er sitzt auch so, dass er nach hinten schauen kann. Das ist lustig anzusehen und ringt mir ein warmherziges Lächeln ab, eins, was eine ganze Weile anhält und meine Laune extrem verbessert. Ich freue mich wieder an all dem, was ich sehen darf und kann. Sie reiten sicher nicht so Rücken an Rücken, um mich zu erheitern. Warum sie es tun, kann ich allerdings nicht einmal erahnen. Es wird schon einen Sinn haben aber welchen?

      Wir nähern uns einem Lastkraftwagen mit offener Ladefläche, voll beladen mit Frauen. Alle in Weiß gehüllt und verschleiert. Einige sitzen, andere stehen. Umfallen kann keine. Nun, da wir sie fast überholen, ihnen schon ganz nah gekommen sind, drehen sich alle nach rechts vorne, damit wir sie nicht ansehen können. Sie wenden sich, wie auf Kommando, in ein und dieselbe Richtung, von uns ab. Was, außer wallenden, weißen Tüchern sollten wir sehen, sie sind doch vollkommen verschleiert. Oder wollen sie uns nicht ansehen, ja nicht den Blicken eines fremden Mannes begegnen? Schon haben wir sie hinter uns gelassen.

      Von links, vom freien staubigen, kamelfarbenen Land kommen drei wilde Kamele zum Straßenrand. Sie schauen nach links und sie schauen nach rechts, als ob sie gleich, die relativ viel befahrene Straße, gefahrlos überqueren wollten. Brav, wie die Kinder bleiben sie stehen, warten ab, bis sich ein günstiger Moment für sie ergibt. Ob, und wann sie die Straßenseite gewechselt haben, bleibt mir verborgen, wir fahren zu schnell, um es hätten, beobachten zu können.

      Die Palmen, an denen wir vorüberfahren, sind übervoll mit Datteln. Die Fruchtstängel, die sicher einiges aushalten, sind bis zum äußersten belastet. Sie hängen herab, dass man, besser nicht, unter ihnen, stehen bliebt. Wir bleiben ja nicht stehen, auch sonnst bleibt keiner stehen und heruntergefallen ist auch keiner, der schweren Fruchtstände. Es macht nur den Eindruck, dass sie jeden Moment, den sichern Halt in der Krone, aufgeben müssten und herabstürzen könnten. Die von unten unermesslich scheinende Last scheint ausgereizt zu sein, ebenso, wie die, der vollgepackten Lastkraftwagen.

      Endlich in der Natur:
Nirgendwo bin ich lieber, nirgendwo bin ich ganz und gar. Nirgendwo fühle ich mich so richtig als Teil ihrer. Nur in ihr kann ich wirklich sein, mich wohlfühlen, Energie speichern, sie nutzen, um in ihr zu Recht zu kommen, stundenlang, tagelang, wochenlang. Ein Leben lang wäre übertrieben, dafür habe ich viel zu viel Zeit in Räumen verbracht, auch in Ballungsgebieten, die nicht viel mit Natur zu tun hatten, die eher dafür verantwortlich sind, dass die Natur leiden muss, sie zurückgedrängt, und immer mehr unwiederbringlich zerstört wird. Dabei kennen wir sie noch gar nicht allumfassend, entdecken immer noch neue Arten, neue Lebensgemeinschaften.

      Kaum einer schaut hin. Richtig hin!
Nichts und niemand ist so, wie du es jetzt siehst, wie ich es jetzt sehe. Alles ist subjektiv, alles nur momentaner Schein aus deiner oder meiner Sicht. Licht und Schatten, die eigentlichen Erscheinungsweisen aller Dinge und Wesen künden nur von ihrer eigentlichen, realen Existenz. Sind sie aber nicht, nicht wirklich. Schon einen Moment später erscheinen sie uns, all die Dinge und Wesen, nicht nur in einem anderen Licht, sondern auch in anderer Gestalt, mit anderen Eigenschaften. Man muss es nur erkennen wollen. Doch wie sind sie wirklich. Das herauszufinden, haben schon viele versucht. Maler, Fotografen, Wissenschaftler, Philosophen, Geistliche. Schön, dass das Leben Geheimnisse für uns bereithält. Viele von ihnen kann man bereits erklären, und doch ... Licht ist Leben. Licht ist Hoffnung. Licht umgibt das Sein und hat die Macht des Zauberers, es ständig zu verwandeln.

      Natur entdecken, heißt auch sich selbst entdecken. Seine Gefühle kennen zu lernen, sein Verhalten zu optimieren, Genauer beobachten und reagieren. Punktgenau das erhoffte Foto machen, auch wenn es überraschend kommt. Die Natur ist auf mindestens fünfundneunzig Prozent meiner Aufnahmen zu finden. Ich habe es nie gemocht oder gewollt in einem Studio zu arbeiten. Da wäre ich ja wieder in einen Raum gewesen. Mich zog es hinaus und das nicht nur bei schönem Wetter. Viele Laien glauben, nur bei Sonnenschein und blauem Himmel die besten Aufnahmen machen zu können. Ich nehme das Wetter, wie es kommt. Jede Stimmung hat ihr eigenes Flair. Jede Stimmung setzt das Gezeigte neu und anders ins Licht. Jede Stimmung sorgt für ein anderes Endprodukt. Und keines davon sollte langweilig sein. Das war immerzu mein Anspruch.

      Es ist so:
Immer, wenn ich loslief, und ich bin oft losgelaufen, schaute ich, was mir der wunderschöne Flecken Erde diesmal offenbaren wird. Nie kam ich ohne neue Eindrücke nach Hause. Die Natur verändert ihr Gesicht mit jedem Sonnenstrahl, mit jedem Wassertropfen, in jedem Augenblick. Dabei zu sein, wenn es geschieht und es festzuhalten als "a Moment in Pictures", verlangt Geduld und vor allem offene Augen. Macht glücklich und zu Frieden.

      Da sind sie wieder, die herrlich duftenden Gewürze: Wie hieß doch gleich die Gewürzmischung aus fünfunddreißig verschiedenen Anteilen? Die wollte ich doch noch kaufen. Ich will sofort zuschlagen. Ich werde zurückgehalten. „Dafür ist noch genug Zeit, das kaufen wir später, wenn wir zurück zum Platz gehen. Dann musst du es nicht die ganze Zeit tragen.“ Überredet. Obwohl es mir nicht das Geringste ausgemacht hätte, die eine Gewürztüte zu tragen.

      Kenne ich den Satz nicht? Habe ich das nicht schon oft gehört? Hat nicht mein Partner immer gesagt: „Dafür ist noch genug Zeit, das kaufen wir später, wenn wir zurückkommen.“ Oft, zu oft kam es nicht dazu, dass wir da noch einmal vorbei kamen, oder wir kamen zu spät da vorbei oder ich hatte es vergessen, aufgegeben, nicht mehr daran gedacht und er hat mich nicht daran erinnert. Oft habe ich mich darüber geärgert, immer nicht, aber oft genug, zu oft.

      Das darf mir heute nicht passieren. Ich werde nicht bis zum Abend warten, bis es womöglich hektisch wird, um nicht zu spät auf dem Platz an ausgemachter Stelle zu sein.

      Was ist den das:
Das sind ja Affen! So große frei lebende Affen? Ganze Familien springen da herum. Ein wirklich schöner Anblick. Wir nähern uns und sie reißen nicht aus. Sie schauen uns an und wir schauen zurück. Ein Männchen setzt sich gleich neben uns auf einen Felsvorsprung. Andere laufen um unsere Füße herum. Sie sind liebenswert, nicht aufdringlich, betteln nicht zupfen auch nicht an uns herum, begrüßen uns nur aufs Freundlichste in ihrem Reich. Wir gehen weiter. Schade denke ich, sage aber nichts.

      Doch dann halte ich den Atem an:
Da ist ein Wasserfall, ein riesiges Getose von herabstürzendem Wasser. Wir sind oben, da wo das Wasser herunterfällt, seitlich davon, aber in gleicher Höhe und gehen nun nach unten, bis ganz nach unten zu dem kleinen See, der sich dort gebildet hat. Hier sind wir nicht alleine. Einige lassen sich mit einem Kahn übers Wasser und ganz nah an den Wasserfall heranfahren, Andere baden, wieder Andere stehen an den Ufern, die beide durch eine Knüppelbrücke miteinander verbunden sind.

      Rote Felsen ragen nun vor uns auf. In ihnen nisten Vögel, einige fliegen hin und her. Das Wasser fällt mehrarmig, teils gerade, teils über Felsvorsprünge herab, schäumt und spritzt nebelfeinen Wasserstaub um sich, sodass ein mystischer Eindruck entsteht. Es entsteht aber auch ein zauberhafter Regenbogen, ein Halbkreis dicht über dem Wasser. Man wird nicht müde, ihn anzuschauen.

      Es scheint, als wäre er stilisiert, als würde er gar nicht immer wieder neu entstehen. An immer der gleichen Stelle erfreut er mein Gemüht. Also spritzen immer genau so viele zerstäubte Wasserteilchen nach oben, wie herabfallen. Auf die Sonnenstrahlen ist Verlass, sie bringen unermüdlich die Wassertröpfchen zum Leuchten. Er steigt nicht steil nach oben, nein, er neigt sich sanft über der Wasseroberfläche, so wie es eine Brücke machen würde. Einer Brücke gleich, überspannt er einen großen Abschnitt. Man ist versucht, diese Brücke zu benutzen.

      Gedanklich gehe ich über diese bunte Brücke, genieße eine schöne Aussicht auf das Wasser und die roten verwitterten Felsen. Ich werde auf zärtliche Weise erfrischt. Es spritzt ganz angenehm, ganz sacht, nimmt der Hitze ihre Macht. Die Sonne hat viel Arbeit, schafft es aber nicht, mich abzutrocknen. Der Wassernebel ist beständig, er hüllt mich ein, wie in eine kuschelige Decke, er ist nett zu mir, bedrängt mich nicht, lässt mir Raum zum Atmen. Die Brücke hält mich fest, lässt mich nicht auf die andere Seite gehen. Ich stehe da, wo ihr Bogen am höchsten ist. In die Melodie des tosenden Wassers fallen nun die Vögel mit ihrem Gesang ein. Zarte Stimmen, die sich gegen Pauken und Trompeten gekonnt durchsetzen, sich behaupten, sich zu meinem Gehör bringen. Es entsteht ein harmonisches Miteinander, einer Arie gleich. Gleich, einer Aufführung im Opernhaus. Ich bin ganz still. Mir entgeht nicht ein Ton, keine Silbe.

      Ich fühle mich hier frei, total ungebunden, ungezwungen, ohne Zeitlimit, ohne Richtungszwang. Frei auch in meinem Denken, denke daran, wonach mir ist. Ich denke, ohne irgendetwas unbedingt heraufholen zu müssen, einfach nur so, wie es mir gerade einfällt, ohne zu grübeln, ohne unbedingt auf dieses oder jenes zu kommen, was einem gerade wiedermal nicht einfällt. Nein, ich lasse meinen Gedanken freien Lauf und staune selber, was da alles wieder ans Tageslicht, ins Bewusstsein, zurückkommt.

      Überwältigend war auch der Innenhof, der großzügige Garten. Er gleicht einer Luxusoase, einem Minipark, einem Mustergarten und einem Farbkasten. Es leuchtet und strahlt in allen Farben in vielen Etagen. Am Boden wachsen Erdbeeren, Zucchini, Auberginen, Salate, Kräuter und natürlich Minze. Die berühmte marokkanische Minze. Rosenstöcke schmücken den Garten, lockern die Strukturen auf und verbreiten einen angenehmen Duft. Verschiedene Obstbäume, wie Mango, Papaya, Feige, Pfirsich, Pflaume und Zitrusarten liefern Schatten. Wein rankt an den Hauswänden empor und drei riesige Dattelpalmen überragen alles, sind höher als das Haus. Trotz allem schafft es die Sonne, bis auf den Boden durchzudringen, hat aber keine Gelegenheit, den Boden auszutrocknen oder die Pflanzen zu verbrennen. Sie wird immer wieder abgeschirmt, aufgehalten, kann nur ihre lebenserhaltenden Maßnahmen wahrnehmen. Tomaten, Paprika und Peperoni stehen verstreut zwischen den Kulturen. Etwas Mais und Zuckerrohr fehlen auch nicht. Zuckerrohrstangen sind auch ein gutes Baumatereal. Die Terrassen sind damit lichte abgedeckt. Sie dienen als Kletterhilfe für Schattenspender. Auf der einen Terrasse war es ein Granatapfelbaum, den man über das Dachgestell hinweg gezogen hat, ähnlich unserem Spalierobst, auf der anderen Terrasse hängen pralle Weintrauben herab. Eine weitere wird von rankenden Blumen geschmückt. Wenn es irgendwo eine intensive Bewirtschaftung gibt, dann hier. Hier versteht man es, den Boden optimal zu nutzen, ohne ihn, wie durch Monokultur, auszulaugen. Hier behütet man den wertvollen, fruchtbar gemachten Boden, schützt ihn, wie ein Familienmitglied. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit, nur für den Eigenbedarf nicht als Aushängeschild angelegt. Bekommt man aber so einen Garten zu Gesicht, man glaubt es kaum. Man kann es nicht wirklich realisieren. Eine solche Vielfalt. Gern hätte ich mich da irgendwo hingesetzt, um alles in mir aufnehmen zu können, um es wirken zu lassen. Es war nicht vorgesehen. Eine Bank oder einen Stuhl gab es nicht. Dafür wurde kein Platz, keine Anbaufläche vergeudet. Es ist ein Nutzgarten, kein Erholungsgarten, obwohl man sich hier bestimmt gut erholen könnte.

      Zum ersten Mal, seit ich weg bin, fällt mir meine Familie ein. So richtig. Von keinem habe ich mich in irgendeiner Form verabschiedet. Keiner weis, wo ich bin. Sicher machen sich alle, Zuhausegebliebenen, all jene, die ich verlassen habe, große Sorgen um mich. Sie machen womöglich das Personal im Krankenhaus dafür verantwortlich. Ich muss sie erreichen, ihnen sagen, wie gut es mir geht und dass ich hier bleiben werde, hier in dem Land meiner Wahl, hier wo ich Freunde gefunden habe, die mich vergessen lassen, wie ich hab leiden müssen vor meinem Aufbruch, die mich glücklich machen, mir Kraft geben und Zuversicht.

      Da ist es ja, das Internet-Café. Ich erkenne es an dem großen @ über der Tür. Wir gehen rein. Ich war noch nie in einem Internet-Café, konnte bisher immer alles an meinem PC erledigen. Am Tresen wird mir eine Summe abverlangt und ein PC zugewiesen. Für eine Stunde. Als ich das kapiert habe, sage und zeige ich zwei. Zwei Stunden möchte ich hier bleiben und schreiben. Zwei Stunden sind vielleicht noch nicht mal genug, um sich auszutauschen. Auch ja, ich brauche ja noch eine Empfangsadresse, wenn ich Antworten bekommen möchte. Jetzt wird es richtig komplizier, so schein es mir. Es ist alles gesagt, Akram geht zu seinem PC und fragt noch, ob ich mich alleine wieder zurückfinden würde. Sicher doch. Ich finde das Hotel.

      Ich bekomme einen Zettel in die Hand mit der E-Mail-Adresse für einen anderen PC, den man mir nun zuweist. Für zwei Stunden so hoffe ich. Bezahlt habe ich noch mal mehr als eben für die eine Stunde. Ich setze mich hin und fange an zu schreiben. Meinem Sohn werde ich schreiben, er ist der Einzige, der immerzu am Rechner sitzt und sofort reagieren kann. Zuerst die Begrüßung und die Antwortadresse hier her zu mir zurück. Dann meine Beweggründe, den Verlauf meiner bisherigen Reise, meine Empfindungen, meine Gefühle und Träume, meine Erlebnisse und Herausforderungen, meine Begegnungen und Erwartungen, all das, was ich mir noch vorgenommen habe und vor allem, dass ich wahrscheinlich nie wieder nach Deutschland kommen werde. Mit den besten Grüßen an alle, einfach alle, die mir am Herzen liegen, die es vielleicht nie verstehen werden und sich doch freuen können, von mir zu hören, die vielleicht erleichtert sein werden und ihre Sorgen um mich nun ganz andere werden.

      Ich bin herausgetreten, eben jetzt für sie alle herausgetreten aus der Erinnerung in eine lebendige, schmerzliche, sicher auch nicht nachvollziehbare Abwesenheit. Von nun an wird ihre Erinnerung, an diese Erinnerung, eine andere sein. Ich starre auf den leeren Bildschirm. Warte auf ein Zeichen.

      Endlich:
Da ist eine neue Nachricht.
Antwort von meinem Sohn. Da sind sie, die Vorwürfe in geballter Ladung aber auch eine Erleichterung, eine verhaltene Freude schwingt mit. Ich kann die Steine hören, die da fallen. Die Lasten sehen, die da eben abgeworfen werden. Zwar im Moment erst mal noch vor meine Füße, aber immerhin. Jetzt sind die unerträglichen Lasten genommen. Ich habe sie ihm genommen. Nun muss ich sie überwinden, sie beiseiteschaffen. Das muss mir in der verbleibenden Zeit noch halbwegs gelingen. Es sind Steine so groß wie Felsbrocken.

      Da gab es doch einen, der einen riesigen Brocken bergauf rollte. Wieder und wieder. Ich weiß nicht mehr, ob er es je geschafft hatte. Ich muss es schaffen, wenn auch nicht bergauf. Sisyphus, genau, der war das. Er hatte es nie geschafft. Er hätte es nie schaffen können, nicht aus eigener Kraft.

      Ich schreibe wieder. Mit Tränen in den Augen. Es fällt schwer, die richtigen Tasten zu drücken. Ich wische sie immer zu weg, doch Neue kommen und verklären mir den Blick. Ich schreibe hastig, bitte um Verzeihung, um Nachsicht, um Verständnis auch um seines Friedens willen. Er verzeiht mir, es war nur so ungewohnt schlimm für ihn und alle anderen, nicht zu wissen, was vorgefallen ist. Nie wäre einer darauf gekommen, dass ich außer Landes sein könnte, nach Marokko geflogen bin. Flughäfen wurden nicht nach mir überprüft. Die Polizei ist von einem Selbstmord ausgegangen. Hat einige Tage nach mir gesucht und dann aufgegeben. Nein, nie im Leben hätte ich mich selber umgebracht. Ich doch nicht. Wusste den das keiner? Hielten mich alle für schwach und zu so etwas fähig? Konnten sie sich nicht vorstellen, was für Energie in mir gespeichert ist und dass ich sie nutzen würde, die in mir innewohnende Lebensenergie? Energie, einer Sprungfeder gleich, die nicht innehalten kann.

      Ich frage nach den anderen, meinen Töchtern, ihren Familien, erfahre die Neuigkeiten und von ihrer Sorge um mich. Meinem Mann, oder besser meinem Partner, den verheiratet sind wie nicht, geht es gar nicht gut, seit ich weg bin. Er hat sich total zurückgezogen. Ich wollte ihn ja nicht verlassen, auf keinen Fall. Ihn doch nicht. Was er alles für mich und die Kinder, die nicht seine Kinder sind, sondern aus meiner ersten Ehe stammen, getan hat, ist großartig, ist würdigungsbedürftig, ist alles andere, als leichtfertig aufs Spiel gesetzt zu werden. Irgendwie bin ich auch für ihn aufgebrochen, um ihn von der Last zu entbinden, sich ständig um mich kümmern zu müssen, um ihm ein Stück Freiheit zurückzugeben.

      Leider konnte ich bei meiner Entscheidung auf keinen Rücksicht nehmen. Alle, ein jeder, hätte mich zurückgehalten, mich nicht gehen lassen, mich auch nicht begleitet. Für einen Urlaub vielleicht, aber nicht für das kommende Leben. Wir müssen uns voneinander verabschieden. Tun das auch noch mit dem Versprechen so oft es geht, in Verbindung zu treten.

      Da schaltet sich der PC auch schon ab. Die Zeit ist um und ich konnte vieles los werden. Nun müssen es die Lieben zu Hause verarbeiten, jeder auf seine Weise. Ich weiß, was ich ihnen zumute. Unzumutbares verlange ich von ihnen und doch wird es sie erleichtern, wenn der Groll verflogen ist.

      Als ich das Internet-Café verlasse, bin ich froh, alleine zu sein. Erst mal tief durchatmen und nur stehen bleiben. Wieder und wieder. Ich atme, als wenn die Luft gleich knapp würde. Als müsste ich lange damit auskommen. Irgendwie ist mir die Leichtigkeit genommen. Ich bin nicht mehr schwerelos, stehe wieder mit beiden Beinen auf der Erde, spüre die Verbindungen zur Familie, nicht mehr nur als Erinnerungen, sondern als gegenwärtigen Tatbestand. Als Teil von mir. Als etwas von mir, was ich beinahe verloren hätte.

      Wie lange habe ich jetzt hier so dagestanden? Ich laufe langsam los. Leer im Kopf, doch mit brennendem Herzen. Es schmerzt, weil ich weiß, wie schmerzhaft die Nachricht sein wird, die alle heute noch erreichen wird. Und keiner von denen kann mit mir reden, seine momentanen Empfindungen los werden. Es tut mir leid, unendlich leid. Gern hätte ich allen diesen Kummer erspart. Ich muss Geduld haben, abwarten, bis sich der Kummer in Freude wandelt, dann, erst dann wird alles gut. Und es soll wieder alles gut werden. Das wünsche ich mir so sehr.

      Bin ich zu weit gegangen? Nein, alles was ich bis her tat, tat ich nicht aus Übermut. Nicht, ohne die Gefahr im Auge zu behalten. Ich glaub, noch Reserven zu haben, noch weiter gehen zu können. Sind es nicht die „Grenzgänger“, die genau den Punkt für sich ausgelotet haben, den Grat gefunden haben, der entweder akribisch begangen werden kann, oder in die Tiefe führt, aus der es nur ein schweres Erwachen geben wird, wenn überhaupt ... Grenzgänger, vielleicht ist das mein Ziel, die Grenzen erfahren, sie abtasten, sie voller Respekt, achtend anerkennen. Es wird eine Grenze sein, wie jede. Eine die das Übertreten verbietet. Eine, die, die Freiheit einschränken wird. Eine die dem Leben ein Ende setzen kann, wenn man sie missachtet. Ist das mein Ziel? Nicht vordergründig. Vielleicht erreiche ich den Punkt. Vielleicht aber auch nicht. Ich will es nicht unbedingt bis zum Letzten herausfordern.

      Wenn sich mein Leben mit dem Leben eines Anderen streift, begegnet, berührt, dann wird ein winziges Stückchen seines Lebens zu meinem Leben und ein winziges Stückchen meines Lebens zu seinem Leben. So passiert es viele, viele Male an jedem Tag. Eine jede noch so kleine Begegnung mit einem anderen Leben beeinflusst das meine ohne mein Zutun, ohne, dass ich es spüre, aber mit gravierender Auswirkung. Nicht der Wille, nicht meine Gedankenwelt lenken mein Leben, sondern das Leben lenkt meine Gedanken, meinen Willen, gibt mir eine Richtung vor. Die meisten Begegnungen gehen an mir vorüber wie Schall und Rauch, an andere habe ich vage, diffuse Erinnerungen, wie hinter einem nebeligen Schleier versteckt und dann gibt es Begegnungen, die mich maßgeblich geprägt haben, mich zu dem gemacht haben, was ich momentan bin, wie ich bin, für mich und für andere. Egal, ob sie mir gut taten oder auch nicht. Die Summe aus allen, aus wirklich allen meinen Begegnungen mit anderen Leben ergibt erst das meine, mein Leben. Mein Leben ist genau das Ereignis zwischen nur zwei Daten. Das Erste steht fest. Das Zweite bleibt offen, bis es unerbittlich und ohne Rücksicht über einen kommt. Nicht aufzuhalten.

      Leben ist alles:
Lebenswert ist es sowieso, aber auch grausam, schmerzhaft, unüberlegt, unausgefüllt ... Die Lebensart, die Lebensweise, das Lebensgefühl ist regional deswegen so unterschiedlich, weil sie abgeschottet von Generationen vor uns immer weiter gegeben wurden, immer weiter bis in die globale Zukunft hinein. Vieles hat sich vermischt, vermischt sich weiter und doch erkennt man kleine Unterschiede, die man anderen Lebensarten zurechnen kann. Es gibt die großen Unterschiede, die zwischen den Weltreligionen, zwischen Völkern, aber auch die zwischen Nord und Süd oder Ost und West zwischen Stadt und Land, zwischen älterer und jüngerer Generation.

      Es gibt auch immer schon welche, die sich dieser Norm, der gemeinsamen Lebensart, wiedersetzen, die ausbrechen, eine andere Art des Lebens bevorzugen. Die einen lassen sich vom Leben mitnehmen, die anderen leben ihr Leben. Jedes individuelle Leben ist unverwechselbar hat aber viel anderer Leben in sich. Kein Leben ist nur selbstbestimmt. Jedes Leben ist beeinflusst vom Leben derer, die um einen sind.

      Die atemberaubende Todhra-Schlucht zieht mich an, wie einen Magneten. Ihre bis zu dreihundert Meter hohen Steilwände werden zu jeder Stunde neu inszeniert, erhalten einen neuen Anstrich aus strahlendem Licht und alles verschleiernden Schatten, aus schwindelnder Leichtigkeit und aus massivem, drohendem Schrecken.

      Meine Gedanken werden magisch auf sie fixiert und wandern die Wände hinauf, so wie es eine Spinne machen würde. Mit Leichtigkeit nehme ich die von der Natur gebotenen Tritte und Griffe an, schwinge mich höher und höher, fühle mich schwerelos und zu allem in der Lage. Die mir, sich eröffnende Aussicht, wird immer spektakulärer. Ich entfliehe dem Boden, dem sicheren Halt, mache mich auf in eine Höhe der Unbeschreiblichkeit. Ich fühle mich von mir beobachtet, gebe also acht darauf, wie ich weiter steige. Mit einer dynamischen Balance, die mich mit dem Felsen verbindet, erklimme ich Meter für Meter. Nicht enden wollende Meter vor mir habend, spüre ich die Kraft in mir, sie auf mich nehmen zu können. Ich durchsteige Kanten, Bänder, Risse, Risse, die zu Kaminen werden, nutze Querungen, habe Gelegenheit mich auf kleinen Vorsprüngen zu erholen, um dann Überhänge zu bezwingen, an glatter aufstrebender Wand weiterzugehen und wieder auf leichter begehbare Abschnitte zu gelangen. Höher und immer höher. Es kann gar nicht hoch genug sein.

      So mancher Griff lässt sich nur mit der Haftreibung meistern. Das sind Stellen, wo es eigentlich gar keinen Halt gibt. Wo man die Luft anhält, den ganzen Körper unter Spannung setzt, um sich, einem Gecko gleich, am Felsen festzusaugen, um nicht abzustürzen. Festzusaugen, um aber auch gleich wieder loszulassen, sich nach oben hin einen anderen Haltepunkt zu suchen, weiter zu kommen, weg von der Stelle, die einem nichts bietet außer der Gefahr, jeden Moment ins bodenlose zu stürzen. Alle Gedanken, und vor allem alle Gedanken, aber auch alle Muskeln, alle Sehnen, alle Gelenke sind nur darauf konzentriert und ausgerichtet, diesen einen Halt, der gar keiner ist, zu überstehen und den Nächsten zu finden, einen, der aufatmen lässt, einen, der für Sekunden Entspannung zulässt, einen, auf den man fest zählen kann, der Sicherheit gibt. So einen braucht man jetzt. Es gibt die verschiedensten Griffe und Tritte. Sanduhren sind hier gar nicht so selten, und doch, und immer und überall mit Vorsicht zu genießen, so verlockend es auch ist, sein ganzes Gewicht einer Sanduhr anzuvertrauen. Sie könnte schon porös sein und durchbrechen. Das wäre der sichere Abgang. Kleine oder größere Mulden, Grate oder Risse sind da schon sicherer. Ihnen kann man mehr zumuten. Hellwach suche ich nach den gangbaren Möglichkeiten und finde eine nach der anderen. Die Technik des Kletterns vollbringt ein wahres Wunder. Sie minimiert das Körpergewicht beträchtlich, sodass man behände, einer Feder gleich nach oben schwebt. Und wie ich schwebe. Ich schwebe bis zu dem Moment, da jemand auf mich zu kommt und neben mir ebenfalls die Wand raufschaut. Mich anschaut und fragend gestikuliert.

      Da gibt es nichts zu sehen. Nichts außer dieser Wand. Nichts von Interesse. Er muss mich wohl schon die ganze Zeit beobachtet haben. Er muss sich wohl schon die ganze Zeit gefragt haben, was ich hier beobachte. Es gibt nichts zu beobachten. Die Faszination an sich ist es, die mich fesselt, mich immer noch nach oben schauen lässt. Er kann es gar nicht glauben, sucht nach etwas, was es nicht gibt, versucht etwas auszumachen, was ich ihm womöglich vorenthalte. Er findet nichts. Schaut mich wieder fragend an, schüttelt den Kopf und geht irgendetwas sagend davon. Schade, dass ich nun wieder runtergeholt worden bin, wo ich doch gerade eine so schwierige Passage überwunden hatte und auf leichteres Terrain gekommen bin. Herunter auf den Boden, in das Jetzt und Hier. Herunter vom Felsen und heraus aus meiner Gedankenwelt, aus meinem Traum vom Steigen. Ich wäre doch so gern weitergestiegen, weiter bis ganz nach oben ... Ich wollte die flinken Falken, die stolzen Adler grüßen und herunterschauen, mich umschauen da oben. Doch daraus wird nun nichts. Ich gehe wieder zurück.

      Gehen:
Schon immer habe ich Menschen gehen sehen. Sie gehen die Straßen entlang, durch Parks und Anlagen, durch Geschäfte, auf Arbeit, zu Festen und bei Beerdigungen. Sie gehen überall hin und immer auf gleiche Weise. Auf eine Weise, wie sie mir jetzt hier erst so richtig bewusst wird. Hier an dieser Stelle, in diesem Moment.

      Ich beobachte die Leute, wie sie wieder dahin gehen, woher sie alle hierher zusammengelaufen waren. Ich beobachte die Kinder, wie sie gehen und ihre Spiele spielen. Dabei kommen mir auf ein Mal ganz weitreichende Gedanken.

      Beim Philosophieren bedarf es einer Grundlage, einem Standpunkt. Spirituell hebe ich ab von der Grundlage, habe keinen Standpunkt mehr, schwebe samt allem in Raum und Zeit, begebe mich außerhalb der Realitäten.

      Im Moment philosophiere ich anhand eines Schrittes über zwei Begriffe, die uns ausmachen, uns Menschen, den einen so, den anderen so und doch haben wir alle alles in uns. Nur sind wir nicht alle gleichermaßen beriet, auch alles zu akzeptieren. Der eine schaut nur aus dem Fenster, der andere lehnt sich weit heraus und ein Dritter beginnt zu schweben. Er kann nicht immer schweben, hat zu viel zu tun in den Realitäten, aber wenn ihm danach ist, dann schwebt er eben.

      Merzouga ist nicht nur eine Wüstenstadt, sondern auch eine Kurstadt. Die vielen Hotels sind fast immer voll belegt mit Patienten, die hier auf wundersame Weise ihre Leiden auskurieren. Sie kommen vor allem aus den Großstädten im Norden, aus den Ballungsgebieten, den besonders lauten und hektischen Gegenden. Hier ist Ruhe, für sie ungewohnte Ruhe und noch mehr Hitze als in ihrem zu Hause. Die Luft ist besser, viel, viel besser. Und was das Beste ist, sie kommen zur Ruhe, zur inneren Ruhe, und werden nur mit dem Sand gleich hinterm Hotel behandelt. Egal was einer hat, der warme Sand hilft anscheinend bei fast allem. Mittags, bei sechzig Grad Celsius, werden einer nach dem anderen im heißen Sand vergraben. Nur der Kopf guckt noch heraus. Dieser wird mit einer Wolldecke vor der Sonne geschützt. Die Decke wird wie ein kleines Zelt über dem Kopf aufgestellt und wirft so Schatten. Erst nach zwanzig bis dreißig Minuten befreien sich die Patienten aus dem Sand, hüllen sich in die Wolldecke ein und gehen zurück zum Hotel. Sie bleiben zwei, drei oder vier Wochen, je nachdem, wie es ihnen möglich ist.

      Aussteigen:
Endlich aussteigen und den Sand berühren. Den Sand erfassen, ihn greifen und durch die Finger rinnen lassen.

      Die Dünen sind ständig in Bewegung. Es sind aber keine Wanderdünen. Sie verharren an ihrem Ort, wechseln nur ihr Aussehen. Es entstehen Skulpturen und gigantische Sandhänge. Der beste Baumeister ist der Wind. Er formt mit viel Geduld und Fantasie immer wieder um und neu. Das Licht hilft ihm dabei Akzente, unverwechselbare Akzente zu setzen. Unverwechselbar aber nur für den Moment eines Lichtstrahles. Der Nächste wirft seinen eigenen Zauber über den Sand und verändert schon wieder alles neu.

      „Es war vor ewig langer Zeit, als hier an dieser Stelle, unweit von Merzouga, ein lokales Fest, ein Dorffest stattfand. Von irgendwo her, vielleicht so gar aus diesem Ort oder aus Merzouga suchte eine Frau mit ihrem Kind Schutz, einen Unterschlupf, brauchte dringend Hilfe. Alle, aber auch alle Einwohner des kleinen Ortes, des gerade fröhlich feiernden Ortes, waren sich einig und verwehrten der Frau ihren Schutz, trieben sie davon. Daraufhin, aufgrund dieser Herzlosigkeit, dieser grausamen Entscheidung, bestrafte Allah alle und schickte einen gewaltigen Sandsturm über sie, über das ganze Dorf und darüber hinaus. Er schickte so viel Sand, dass nicht nur der Ort verschüttet wurde, sondern sich drohende Sandberge über ihm erhoben, die bis heute weithin sichtbar sind.“

      Geblieben ist das Erg Chebbi zu Füßen von Merzouga. Geblieben sind bis heute diese gewaltigen Dünen. Und wie zum Trotz, sie verschwinden nicht, sie werden nicht vom Wind davon getragen. Kein noch so heftiger Sturm konnte ihnen etwas anhaben. Ist das nicht sensationell?

      Dieses Dorf soll nicht wieder auferstehen, nie wieder belebt werden. Es soll aus dem Gedächtnis des Lebens verbannt werden. Nichts aber auch gar nichts soll an seine Bewohner erinnern, als habe es sie nie gegeben.

      Vielleicht hätte ja der eine oder andere gern geholfen, unter anderen Umständen. Sie unterlagen bei der Feier einem unüberwindbaren Gruppenzwang. Hatten nicht den Mut gegen die Masse etwas zu unternehmen, ihren eigenen Willen kundzutun und in die Tat umzusetzen, zugunsten der Frau und ihrem Kind. Dieses Dorf wurde zwar völlig begraben mit Mann und Maus. Doch dieses verwerfliche Verhalten lebt weiter in uns fort. Ob unter Gruppenzwang oder anderen Zwängen, versagen so viele Mitmenschen, überall auf der Welt, Hilfesuchenden ihren Dienst. Wer hat nicht schon mal Hilfe gebraucht und sich gefreut, wenn jemand kam, um zu helfen. Warum kann helfen, sich gegenseitig helfen, nicht zum Alltag werden, einfach dazugehören, zur Normalität werden? Ich verstehe das nicht ...

      All die Tage, die ich nun schon hier bin, habe ich noch nie jemanden auf dem Berg gesehen. Alle gehen nur in die Oase, an den Fluss, in die Schlucht, dahin, wo es erträglich ist. Das Todhragebiet, ein Paradies, in dem sich alle wohlfühlen, das ihnen das Leben hier ermöglicht.

      Wir haben uns doch eben auch wohlgefühlt auf dem Berg. Ja, es ist heißer hier, es gibt keinen Schutz vor der Sonne, aber hat es uns gestört? Hat es uns belastet? Es hat uns gar nicht wirklich erreicht, wir waren anderweitig abgelenkt, die Kinder ebenso, wenn auch anders, als ich. Die Sinne waren auf das Erleben eingestellt, auf freudiges Erleben, nicht auf qualvolle Hitze, nicht auf qualvolles Steigen. Nur so unbeschwert lässt es sich ertragen, hier auf dem Berg, die Zeit zu vergessen. Wir haben sie vergessen, waren genau so lange da, wie wir innerlich dazu bereit waren. Nun ist es vorbei. Nun wollen wir zurück, auch wieder freudig, denn wir haben etwas zu berichten, etwas zu zeigen, etwas, was uns antreibt. Die beiden laufen um die Wette. Da kann und will ich nicht mithalten. Ich gehe gemütlich in meinem gewohnten Tempo. Sie warten nicht auf mich, da werde ich wohl die ersten aufregenden Minuten ihrer Rückkehr verpassen. Den Stolz. Das Staunen.

      Zagora:
Ja, das wird der Ort sein, den ich als Erstes anstreben werde ...

      Ich mache mich lang, schaue in den Himmel hinauf und hinein, soweit es meine Augen ermöglichen. Es ist schon schwer unter Wasser Entfernungen abzuschätzen, hier aber, hat man gar keine Vorstellung von der Entfernung, die man erblicken kann. Der Himmel über mir ist wolkenlos, blau und sonnenlichtdurchflutet. Gerade so, wie man sich den Himmel immer wünscht, wenn man vierzehn Tage Urlaub hat, egal, wann im Jahr. Um Fotos zu machen, die anders sind als Fotos Anderer, habe ich mich gern bei schlechtem Wetter raus begeben. Die da vorherrschenden Lichtverhältnisse bewirken, dass Farben kräftiger leuchten, Kontraste besser herausgearbeitet werden können. Es fehlen die, meistens störenden, Schatten. Wenn es dann noch leicht regnet, alles nass ist und alles vom wenigen Licht zu glitzern beginnt, ist die Situation perfekt. Da alles nicht so einfach ist, wie gesagt, muss man sich schon noch winden und drehen, um den optimalen Winkel zum Objekt, zum Ausschnitt zu finden, damit das Resultat etwas in sich birgt, was das Foto interessant werden lässt. Eins nach dem anderen, immer wieder anders, immer wieder neu und doch auf gleiche Weise. Auch hier gilt: Es zählen, wenn auch nicht nur, das eigene Können, die bereits gemachten Erfahrungen und die umsichtige Vorsicht. Der Respekt vor der Natur sollte auch einen gebührenden Platz einnehmen, dann sollte es machbar sein, vorausgesetzt, man hat sich selber nicht überschätzt. Das sollte bei allem eine Rolle spielen, was wir in Angriff nehmen.

      Gut, dann fahren wir jetzt nach Zagora:
„Dafür muss ich doch aber erst noch meine Sachen zusammenpacken und mich von allen verabschieden ... „ „Das ist nicht nötig, komm, wir wollen los“, sagt er und schon sitzen wir im Jeep. Die Stadt beginnt gerade aufzuwachen, als wir sie nur noch als hellen Schein hinter uns verschwinden sehen. So sind wir rechzeitig an der Karawanenstation in Zagora. Hier soll ich mir die Kamele und den Proviant schon mal aussuchen und alles sicherstellen lassen. Wird das gut gehen? Ja vielleicht, ganz sicher sogar werde ich die Geschäfte heute günstiger, erheblich günstiger abwickeln können, als alleine ohne geübten Beistand. Ich wünsche mir ein, ja zwei Mehadi, die freundlich sind, mir Fehler im Umgang nicht übel nehmen, die eher mich führen können, als ich sie. Woran werde ich so ein Tier erkennen können. Ich habe zwar gute Tierkenntnisse, komme auch mit vielen sofort bestens zurecht, doch Kamele gehörten bisher nicht dazu. Wird Intuition reichen?

      Ich schaue mir eine Herde an, deren Tiere zum Verkauf angeboten werden. Schon brüllen mich einige furchterregend an, andere bleiben unbeeindruckt. Der Besitzer kommt auf mich zu und beruhigt die Tiere. Nun kläffen ein paar Hengste nur noch die Zähne, bis sie mein Dasein akzeptieren. Eine entstandene Unruhe bleibt aber. Die einen stehen auf, andere legen sich nieder. Für mich erscheinen die, die liegen geblieben sind und die, die sich niederlegen als freundlicher. Wenn ich jetzt noch wüsste, wer gar nicht aufgestanden ist. So eins müsste ich bevorzugen. Da, da sind zwei, die fallen farblich sehr aus der Reihe und die Beiden standen bestimmt nicht. Die währen mir aufgefallen. Das eine fast weiß, das andere tiefrot-braun. Sie hocken aneinander, als wenn sie unzertrennlich wären. Ich gehe langsam an den Tieren vorbei. Zolle ihnen meinen vollsten Respekt, sodass sie spüren können, ich habe keine Angst vor ihnen und ich will ihnen nichts antun. Bei den beiden angelangt, heben sie nur begrüßend die Köpfe ohne sich zu rappeln, ohne sich in Kampfstellung zu begeben, ja sogar ohne die Oberlippe zu heben.

      Ich wage es, beide gleichzeitig zu streicheln und zu meinem Erstaunen gibt es keinen Widerstand. Ich trete von vorn zwischen beide und nehme vor ihren Köpfen die Arme hoch und siehe da, beide stehen auf. Beide bleiben da, hier bei mir und lassen sich graulen. Ich schaue mir ihre Zähne an, soweit sie bereit sind, sie mir zu zeigen. Ich schau mir ihre Knie an, die sind in Ordnung. Das Fell zeigt auch keine Auffälligkeiten, kein Besatz von Ungeziefer oder Vernachlässigungen. Auch ihre hinter ihnen liegenden Dunghaufen sehen gesund aus. Und ich glaube, sie sind noch recht jung. Weiblich sind sie auf jeden Fall. Das kommt mir sehr entgegen.

      Obwohl ich mich auch noch nach Proviant umsehen wollte, bringe ich es nicht fertig von den Tieren wegzugehen. Eins nach dem anderen legt sich wieder hin. Ich gehe in die Hocke und lehne mich an das Weiße an, das raunst genüsslich, einladend auf seine Weise. Schon dreht das Braune seinen Kopf zu mir und legt ihn auf meinen Beinen ab. Sofort graule ich beide, damit sich keins vernachlässigt fühlt. Sie scheinen es zu genießen, können gar nicht genug davon zubekommen, bis ich gerufen werde.

      Wir haben nichts getan, außer uns umgesehen, uns vergewissert, dass es alles geben wird, was ich brauche und doch ist der Tag schon in seine heißen Stunden übergegangen. Das Leben hier erlahmt. Wir drehen eine letzte Runde, nicht ohne den auserwählten Kamelen verschwörerisch zu versichern, dass ich bald wieder da sein und sie dann nicht so bald wieder verlassen werde. Wir fahren wieder zurück.

      Zu Hause:
Ja, ich nenne es mein zu Hause. Zu Hause angekommen werden wir mit Tee und Kuchen empfangen. Die Kinder warten schon ungeduldig auf unser Eintreffen und bitten uns gleich in den Salon.

      Ich hatte eben die Gelegenheit, eine neue kulinarische Erfahrung zu machen, habe sie genutzt und kann nur sagen, ich bin glücklich, es probiert zu haben.

      Nun ist es so weit:
Der Jeep steht vor der Tür.

      Die Schwermut wird von Freude abgelöst. So fällt der Abschied nicht so schwer, nicht ganz so schwer, denn schwer fällt er alle Mal. Die Kinder weinen. Das rührt mich sehr. Ich muss es beenden, steige ein und winke zurück. Die Gefühle schwappen über, nicht nur bei mir. Es wird Zeit ...

      Ich habe noch kaum einen Schritt getan, da steht auch schon der Kamelhändler mit den beiden ausgewählten Tieren vor mir. Nun will er Kasse machen. Verlangt von mir den ausgemachten Betrag. Ich wusste gar nicht, dass wir da schon was besprochen hätten.

      Nun geht es von Stand zu Stand:
Ich kaufe ein Zelt, Felle, Kochgeschirr, haltbare Lebensmittel und Futter, einen Sattel, Stricke, Decken, Wasserbehälter und viele Kleinigkeiten mehr. Die Händler sind fair, wollen aber, dass gefeilscht wird. Fajir hat da ein gutes Gespür, übernimmt das für mich und hat seinen Spaß dabei.

      Beim Beladen hilft mir einer von denen, deren Karawane ich begleiten darf. Zunächst wird das dunkle Kamel beladen. Diese Entscheidung hat er mir gleich mal so abgenommen. Vielleicht kann ich auf der Reise auch wechseln. Auf das helle kommt ein schöner Sattel mit großen Satteltaschen für meine persönlichen Dinge. Nun, wo alles verstaut ist, werden die Tiere zur Karawane geführt, die von zwei Männern bis zum Aufbruch in knapp zwei Tagen bewacht wird. Da muss ich mir sicher keine Sorgen machen, kann ruhig mit den anderen in den Ort hinein gehen.

      Nun, ich freue mich auf das Gehen. Ich werde mich hoffentlich schnell an diesen Tagesrhythmus gewöhnen. Sie erzählen von den Frauen und Kindern, die zu Hause bleiben. Sie versorgen die Zuchttiere, bewirtschaften ein paar kleine Felder. Ihnen gehören einige Dattelpalmen, Oliven- und Obstbäume. Sie sind auf weitest gehende Selbstversorgung ausgerichtet. Das scheint gut zu klappen. Der Souk ist die große Tauschbörse. Gemüse gegen Gewürze, Obst gegen Haushaltwaren. Alles ist da, was sie brauchen. Getauscht wird nicht wirklich, kaufen und verkaufen gehen Hand in Hand. Alle im Ort profitieren davon. Die meisten sind auch miteinander irgendwie verwand, obwohl auch hier die Mädchen ihre Familien verlassen, sobald sie geheiratet haben und neue dazukommen, die hier einen Mann fürs Leben bekommen. Die Männer vom Ort haben Frauen aus ganz Marokko. Und doch ist alles eine ganze, große Familie. Es darf natürlich auch innerhalb des Ortes geheiratet werden, sogar innerhalb der Familie und doch versucht man es zu vermeiden.

      Die kleineren Orte, die ich bisher kennenlernen durfte, strahlen eine Harmonie aus, geben einem ein sicheres Gefühl, nehmen einen auf, als Bereicherung, als Gast aller. In den Großstädten ist das nicht so, da ist Hektik, Konkurrenz und Abzocke Fremder angesagt. Alles wirkt unpersönlich aber auch gigantisch in seinen nahezu unermesslichen Ausmaßen, der Kultur und den Möglichkeiten.

      Ich habe beides kennengelernt, liebe das kleinstädtische, dörfliche Leben mehr, auch wenn man da auf vielerlei Annehmlichkeiten verzichten muss, auf Annehmlichkeiten, die ich nicht unbedingt brauche, sie nicht vermisse, sie mir nicht fehlen, um glücklich zu sein.

      Was mich jetzt erwartet, wird eine Reise ins „Ich“. Ich als Anhängsel an einer Karawane. Dabei werde ich lernen müssen, mit der mich umgebenden Stille, den Tag zu verbringen. Nicht sinnlos sondern sinnerfüllt, immer wieder neu und anders, aufmerksam und in Gedanken versunken, mit allen Sinnen aufnehmend und abwesend ausgrabend zu gleich.       Ich kann es schon spüren, wie meine Gehirnzellen triumphieren. Sie werden wieder beansprucht, gebraucht, Zusammenhänge zu erörtern, Gesten zu begreifen, Gefühle zu entwickeln und abzuschweifen in philosophische und spirituelle Gedankenwelten. Zeit dafür steht mir zur Verfügung und ich kann gewiss sein, dass mich keiner stören wird.

      Dann geht es los:
Ein letzter Blick zurück, ein letzter Gruß und noch einmal winken, dann ist die doch so schwere, die vorbestimmte, nötige Trennung auf ungewisse Zeit vollzogen.

      Meine Gefühle fahren Achterbahn überschlagen sich, wirbeln durcheinander. Sprachlos mache ich meine ersten Schritte ins Ungewisse.

      Die Augen sind der Spiegel der Seele, heißt es. Sie müssen aber auch Indikatoren sein. Das wohl bekannteste, bedeutungsvollste Auge ist doch „Das Auge Gottes“. Doch was ist das, woran denkt man, was stellt man sich darunter vor?

      Den Augen der Beduinen entgeht garantiert nichts, nicht vor ihnen nichts neben ihnen, nichts hinter ihnen und nichts über oder unter ihnen. Sie reflektieren ihre Gedanken, ihre Wünsche und Befehle. In ihnen widerspiegeln sich ihre momentanen Gefühle und Regungen. Es scheint unheimlich, wenn nicht gespenstig, zu sein. Für mich ist es nahezu ungeheuerlich, wie nicht von dieser Welt. Zu perfekt, zu verlässlich, um menschlich zu sein.

      Wie oft habe ich schon in leere, abwesende, nichtssagende Augen geblickt. Wie oft hat es der Blick nicht vermocht, eine Botschaft zu übertragen, eine Vereinbarung zu treffen oder zu mahnen. Der Blick alleine vermocht es nicht, es waren zusätzlich Gesten von Nöten, wenn nicht sogar unerlässliche Wortfetzen, Worte, ganze Sätze.

      Die Blickwechsel meiner Begleiter sind harmonisch, verständlich, unmissverständlich. Sie funktionieren wie ein Uhrwerk, in dem die vielen, kleinen Zahnräder genau so zusammen spielen, dass die genaue Zeit angezeigt werden kann. Faszinierend. Ob ich das lernen kann? Ob ich mich dann mit ihnen über meine Augen verständigen werde? Ich muss es versuchen. Was habe ich sonnst für eine Wahl.

      Mein intensiver Blick zu ihnen hat sie wohl dazu bewogen, sich nach mir umzudrehen, nach mir zu schauen, um festzustellen, dass alles in Ordnung ist, dass es mir gut geht und ich mit ihrem Tempo Schritt halten kann. Was haben sie noch erkannt, was hat ihnen der Blick zu mir noch alles offenbart? Mein Lächeln, was ich ihnen entgegenschicke, hat sie beruhigt, ihnen versichert, dass ich guter Dinge bin und sie wieder nach vorn schauen lassen, ohne dass sie sich ausgetauscht hätten. Nicht mit Worten, mit Blicken schon.

      Gehen ist mir zum Bedürfnis geworden. Gehen, gehen, immer weiter gehen, nicht zu einem vorher festgelegten Ziel, nicht zum Ausgangspunkt zurück, sondern von Augenblick zu Augenblick, egal wohin. Vorwärtsgehen, immer einen Schritt vor den anderen setzen. Schritt für Schritt genießen, als etwas Großes begreifen und Essen, Trinken, Schlafen nur, um wieder gehen zu können, Tag für Tag. Man könnte meinen, es sei eine Qual. Es ist keine Qual, es ist eine Freude. Ich quäle mich doch nicht selber, im Gegenteil, ich mache mir eine Freude, eine, die kein anderer einem bereiten könnte. Eine innere Freude, die glücklich macht, die Zuversicht gibt, die Türen öffnen ins eigene „Ich“, in Herz und Seele, die Raum gibt für Gedanken, Träume und Visionen, die alles umher vergessen lässt, einem jegliche Last nimmt, nicht nur die sichtbaren, sondern auch die, die auf der Seele ruhen, tief im Herzen stecken, und die, die man sich unbewusst selber durch geistige Barrieren erschafft. Leichtfüßig fällt das Gehen, wenn man erst die Morgensteifigkeit überwunden hat.

      Was für wundervolle Formulierungen einem da einfallen. Was für logische Zusammenhänge man erkennt. Was für wertvolle Erfahrungen man machen kann, nimmt man sich nur die Zeit dafür, ungestört denken zu können. Denken und Gehen passen gut zueinander. Sie beflügeln sich gegenseitig. Lenken mich ab von dem, was andere vielleicht qualvoll fänden.

      Heute gehe ich bewusst von Horizont zu Horizont. Fixiere den einen, bis ich ihn erreicht habe, und schaue zum nächsten. Wie viele Horizonte werde ich heute hinter mir lassen?

      Und wieder habe ich einen Horizont überschritten. Da ist auch schon das Tagesziel erreicht.

      Der Abend und die Nacht gestalten sich ruhig und friedlich. Ich kann schnell einschlafen. Eine Tatsache, die ich hier sehr zu schätzen weis. Was war ich immer müde und konnte doch nicht schlafen. Stunden hat es immer gedauert, ehe ich einschlafen konnte. Jeden Abend, all die Jahre. Immerzu. Seit ich in Marokko bin, schlafe ich besser, und seit ich gehe, schlafe ich besonders gut. Ich genieße es richtig und betrachte es als ein wertvolles Geschenk, als sprudelnde Kraftquelle, für den nächsten Tag. Vor allem für den Start in den nächsten Tag.

      Was für ein Erwachen:
Keiner ist mehr da, alle sind weg, mit Sack und Pack. Nur meine beiden Mehadi sind aneinander gebunden und stehen abseits in der Morgensonne. Für einen kurzen Moment war mir, als hörte mein Herz auf zu schlagen, als verließe mich mein Verstand, doch dann realisiere ich es erneut. Ich bin alleine, verlassen, zurückgelassen. Warum? Ich war ihnen doch keine Last. Ich habe sie doch kaum in Anspruch genommen. Was sie für mich taten, taten sie sowieso auch für sich.

      Was ist passiert in der Nacht, warum haben sie mich nicht mitgenommen? Ich kann nirgends eine Antwort finden. Ich suche nach ihren Spuren, doch es gibt keine. Ich kann keine entdecken, bin zu unerfahren im Spuren suchen. Sehe nur die, die jeder sieht. Doch solche gibt es weit und breit nicht. Ich kann nicht herausfinden, wohin sie gegangen sind. Wir sind hier weit entfernt von den Pisten, die von Lastkraftwagen genutzt werden. Mitten im Nichts.

      Keine Panik, nur keine Panik:
Erst ein Mal etwas essen, auch wenn es der Magen jetzt ablehnen wird. Was soll ich tun? Hier bleiben oder weitergehen. Wo hin den? Ich lasse mich auf mein Lager sinken und Leere entsteht in meinem Kopf, totale Leere. Keine Ahnung, wie lange ich schon so hier hocke. Die Sonne sagt mir, dass es bald Mittag sein muss. Sie brennt erbärmlich. So habe ich sie noch gar nicht gespürt. Sie brennt nicht nur, sie beißt sich auf meiner Haut fest. Durchdringt all meine Kleider, als wolle sie alle auffressen, mir direkt vom Leibe runterfressen. Sie zerrt an meinen Haaren. Unwillkürlich greife ich auf meinen Kopf. Sie sind noch da, meine Haare, obwohl ich das Gefühl habe sie seine alle schon ausgerissen. Ich verkrieche mich unter meine Tücher in meinem Zelt. Aber wie soll ich das hier aushalten. Ein Brutkasten ist nichts dagegen. Es ist unerträglich heiß hier drin. Ich muss hier wieder raus. Gehe zu den Kamelen, die brauchen auch etwas zu fressen, denke ich und kümmere mich um sie. In ihrer Nähe bin ich nicht ganz so verloren nutze das bisschen Schatten zwischen ihnen, was sie in der Lage sind, mir zu bieten. Das ist nicht gerade viel zur Mittagszeit. Sie liegen da und schauen mich fragend an. Ich lehne meinen Kopf an eines und überlasse mich ihnen. So spüren sie meine Hilflosigkeit am besten, fühlen meinen Herzschlag und meinen Atem. Nur so kann ich mich ihnen mitteilen. Ihr Gespür wird die Botschaft erkennen und verstehen.

      Da fällt mir mein Sender ein:
Was hat Mohammed gesagt? Wenn ich mich drei Tage nicht bewege, reagiert eine Behörde. Ja was heißt das jetzt? Kommen die unverzüglich zu mir? Womit, mit einem Jeep oder mit einem Helikopter? Wie viel länger als drei Tage muss ich hier ausharren, ehe jemand bei mir ist? Davon war keine Rede. Es beruhigt schon etwas. Ich habe genug zu essen und zu trinken, auch für die Kamele ist ausreichend Futter und Wasser da. Wenigstens das haben sie mir gelassen. Nichts, was mir gehört, haben sie entwendet, mich nicht bestohlen, mich einfach nur hier zurück gelassen, aus welchem Grund auch immer. Werde ich es je erfahren?

      Die Mittagszeit ist wie angestemmt. Die Sonne macht sich breit über mir als gefiele es ihr gerade hier am besten, als wäre das ihr Lieblingsplatz. Ich muss trinken, auch wenn ich gar keinen Durst verspüre. Wieso habe ich in der unerträglichen Hitze heute keinen Durst? Alles in mir ist durcheinandergeraten. Da muss der Verstand wach bleiben und sich durchsetzen. Der kämpft gerade mit der eingesetzten Trägheit. Ich muss mich erheben, die Wasserflasche aus der Satteltasche nehmen. Das fällt mir schwer, obwohl ich den ganzen Tag über noch nichts getan habe. Ein schlimmes Zeichen. Ruhe ist Gift. Was würde ich geben, mit den anderen gehen zu dürfen ... Ich gehe zum Zelt. Mache etwas Ordnung darin, gehe wider zu den Kamelen. Die stehen auf, denken wohl, wir gehen endlich wieder, doch daraus wird erst mal nichts. Ich habe keinen Plan. Keinen für mich und keinen für sie.

      Was nutzt mir jetzt die Landkarte?
Ich kenne nicht die Namen der Berge, nicht die der Wadis, Orte haben wir nicht flankiert. Ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde. Kann es nur schätzen. Die ersten Tage habe ich mir abends zeigen lassen, wo wir sind. Das hätte ich gestern mal wieder fragen sollen. Ich bin nachlässig geworden. Das ist nun unverzeihlich. Der Groll auf mich hilft mir nicht, also muss ich mich damit jetzt nicht auch noch belasten.

      Die Tiere werden unruhig. Wittern sie eine Gefahr? Davon sollte ich lieber ausgehen und stehe auf. Ich schaue um mich. Die Kamele trampeln und schnauben. Ich kann nichts sehen.

      Nun ist sie wieder um mich, die triste Einsamkeit in der unendlichen Wüste, in der heute die Sonne stillzustehen scheint. Es ist immer noch Mittagszeit. Braucht sie eine neue Batterie oder muss sie von Hand aufgezogen werden. Eine Uhr, die nicht geht, ist wertlos. Ich habe nur die Sonne als Uhr und die steht wie angestemmt über mir. Sie quält mich wieder. Sie saugt an mir wie Blattläuse an Pflanzen bis zu deren Vernichtung, wenn nicht das Wetter umschlägt, oder man etwas gegen sie unternimmt. Von einem Wetterumschwung kann ich hier nur träumen und was könnte ich unternehmen? Ich wedele die Tücher um mich. Das bringt nur wenig Luft in Bewegung. Es kosten nur viel zu viel Energie. So lasse ich das besser wieder. Verkrieche mich unter sie unter meine Tücher.

      Da spüre ich es ganz genau:
In mir steigt eine Wut auf. Eine Wut auf meine Begleiter, auf die, die mich hier haben sitzen lassen.

      Und da ist noch etwas:
Mut!
Mein Mut hat mich nicht verlassen, noch nicht. Er debattiert mit der Wut. Mal im Einklang, mal im Gegensatz zu ihr. Ein Gezerre und Gestichel. Der ganze Körper ist davon betroffen. Jede einzelne Zelle ist aufgewühlt, durcheinander gebracht, in Aufruhr, aus ihrem gewohnten Takt. Wellenartig durchfährt es mich, ohne zu einer Lösung zu gelangen. Ein Gefühl, wie im Irrgarten hinter großen Mauern mit verschlossenen Toren. Es gibt kein entkommen, egal wohin man geht.

      Und doch:
Aufgeben und nichts tun, wäre das Ende.